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Neues Jahr. Neue Zukunftsstrategie.

By 19. Januar 2018 Juli 17th, 2018 Artikel, Michael Kirmes

Was ist psychologisch die richtige Zeitspanne?

Das neue Jahr ist noch jung. Aufbruch und Innovation liegen in der Luft. Es ist die Zeit der Vordenker. Zeit über die Zukunftsstrategie des Unternehmens nachzudenken. Dabei spielt die Psychologie von Jahreszahlen eine entscheidende Rolle.

Jahreszahlen sind, genauso wie der Zeitpunkt des Jahreswechsels, historisch gewachsen und somit ziemlich willkürlich. Jesus Christus wurde nach besten historischen Schätzungen irgendwann zwischen den Jahren 6 bis 4 vor Christus geboren. Der September ist bereits seit 45 v. Chr. der neunte Monat im Jahr. Im jüdischen Kalender schreiben wir seit letztem September das Jahr 5778. Im hinduistischen Kali-Yuga-Kalender sind wir bereits seit März im Jahr 5119, nach Zählung der Vikrama-Samvat-Ära hingegen im Jahr 2074.

Aus organisatorischen Gründen ist es sinnvoll, sich möglichst weiträumig auf einen Termin für den Jahreswechsel und eine Zählung zu einigen, es ist aber unerheblich, welcher Ursprungspunkt dabei gewählt wird. Kulturell-religiös spielt dieser hingegen natürlich eine Rolle, und einmal festgelegt, entwickeln die Zahlen und Daten psychologisch Bedeutung. Zu bestimmten Jahreszahlen haben wir automatische Assoziationen: 1492, 1871, 1939, 1945, 1989, 2001 sind für uns kollektiv mit großen Ereignissen verbunden. Für die Zukunft haben wir solche Orientierungspunkte nicht. Jahreszahlen sind größtenteils assoziationslos.

Abreißkalender, 9. Mai 2025

Illustration aus Design Thinking The Future, Peter Ederer

Als wir 2016 unseren “Workshop in a Box”, Design Thinking The Future, entwickelten, kam der Punkt, wo wir uns auf eine Jahreszahl festlegen mussten. Wer mit der Box ein Produkt entwickeln will, das Zukunftskunden begeistern soll, sollte wissen, über welche Zukunft es konkret geht. Außerdem beinhaltet die Box konkrete Szenarien mit möglichen spezifischen Zukunftswelten, und da spielt es eine Rolle, ob die beschriebene Welt im Jahr 2020 oder 2050 stattfindet — selbst wenn die Zukunftswelt je nach Fokus mal mehr oder weniger futuristisch aussieht.

Wir haben uns damals (als grobe Richtung) auf das Jahr 2025 festgelegt. Neun Jahre sind noch überschaubar, die Welt wird wahrscheinlich noch grob so aussehen wie jetzt; gleichzeitig sind weitreichende Änderungen möglich, wie sich am Beispiel des iPhones zeigen lässt, das 2016 gerade neun Jahre alt war.

Ich schreibe “als grobe Richtung”, weil — der sehr konkreten Kalenderillustration links zum Trotz — 2025 als symbolisch, als Platzhalter, als eine gefühlte Zukunft verstanden werden kann. Eben ein bisschen weiter als 2020, aber doch nicht so weit wie 2030, das ja eigentlich gleich für die ganze 2030er Dekade steht. 2025, als schöne, runde Zahl, kann dieses etwas vage Gefühl vermitteln, 2024 wirkt hingegen viel zu spezifisch, um diese Funktion zu erfüllen. Man kann sich hierbei gut an Preispsychologie orientieren, die, nicht überraschend, viel besser erforscht ist als die Psychologie von Jahreszahlen.

Ein “Design Thinking The Future 2026” hätte aber nur ein paar Monate später genau so wie ein “Design Thinking The Future 2024” Skepsis ausgelöst, was denn so besonders an diesem Jahr ist. Weil wir, wenn die Zukunft nicht an einem vagen, aber runden, schönen Fixpunkt wie 2025 oder 2030 orientiert wird, eben die aktuelle Jahreszahl als Referenzfixpunkt nutzen. Wenn Menschen Pläne oder Prognosen machen, wollen sie sich gerne nicht allzu genau festlegen, insbesondere je weiter es in die Zukunft geht. Das ist vermutlich auch ganz vernünftig so. Und Menschen mögen gerne “runde” Zahlen.

2003 wurde die Agenda 2010, nicht die Agenda 2013 verkündet. Wikipedia hat 2017 (nach 16jährigem Bestehen) Pläne für Wiki 2030 erarbeitet, nicht für 2027 oder 2031. Nach den Millenium Development Goals, die im Jahr 2000 für das Jahr 2015 beschlossen wurden, verfolgt UN nun die Agenda 2030 for Sustainable Development. Europa hat eine Europe 2020 Strategie. Andererseits hatte Volkswagen 2008 eine “Strategie 2018” formuliert, die allerdings inzwischen für eine neue Strategie 2025 einkassiert wurde (zufriedene Kunden sind wichtiger, als “größter Autobauer” zu sein). Das ist nicht nur ein punktueller Eindruck. Sucht man auf Google nach Visionen, Plänen und Strategien für die nächsten 12 Jahre, spricht die Anzahl der Suchergebnisse eine ziemlich eindeutige Sprache:

Das Ganze sieht im deutschsprachigen Raum sehr ähnlich aus, wobei durch die insgesamt sehr viel niedrigeren Zahlen Ausreißer wie die 845 Treffer zu “Pläne für 2024” der Hamburger Olympia-Bewerbung stärker ins Gewicht fallen, und der allgemeine Abwärtstrend zwischen den Extremwerten von 2020 und 2030 (und 2025) wird nicht so deutlich: je weiter wir in die Zukunft gehen, desto weniger Pläne, Strategien und Visionen werden schon heute entwickelt — abgesehen, natürlich, von 2030, und sogar von 2040, das offenbar schon besser durchdacht ist als das Jahr 2023.

Die Zukunft ist noch da, sie wird nur anders verteilt.

Seit kurzem ist nun 2018 „Gegenwart“, und 2019 das “nächste Jahr.” 2019 bleibt zwar ein “Jahr in der Zukunft”, wird aber in Form von Terminankündigungen und Planungen immer häufiger in unsere alltägliche Gegenwart einziehen. Und nach dem Takt “1, 2, viele” geht es noch weiter: 2020 ist nicht mehr aufregend (oder beruhigend) weit weg, nicht mehr futuristische Sci-Fi-Phantasie, sondern schon Teil des Dreijahresplans. 2020 ist übernächstes Jahr! Spätestens mit diesem Jahr wird deshalb kaum jemand mehr eine “Vision für 2020” entwerfen.

2020 – quasi übermorgen

Wer für die Zukunft, die “richtige” Zukunft, planen will, plant jetzt für 2025. Mindestens. In 7 Jahren kann schließlich sicher einiges passieren. Andererseits, vor 7 Jahren sah die Welt doch größtenteils schon so aus wie heute. Unsere Normalität ist nicht wesentlich anders als die Normalität 2011 — was vielleicht auch daran liegt, dass die einschneidenden Ereignisse Trump und Brexit es dankenswerterweise bisher nicht geschafft haben, eine neue Normalität zu etablieren, an die wir uns alle gewöhnt haben. Wenn’s also etwas größer werden soll, dann vielleicht doch besser gleich Zukunft 2030?

Während letztes Jahr die zu planende “Zukunft” also manchmal nur noch 3 Jahre weg war, sind es ab heute — psychologisch — eher 7 Jahre. Die nur noch zwei Jahre bis 2020 haben die Mindestlaufzeit für frische Zukunft unterschritten. Zeit, die Vision 2040 in die Strategie 2020 aufzunehmen.

Dieser Blog-Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Artikels von Michael Kirmes auf Medium