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Interview: Christine Müller von gramm.genau

By 10. Februar 2017Juli 29th, 2019Trends & Analysen

Der Megatrend Neo-Ökologie sorgt dafür, dass Konsumenten für ihren alltäglichen Einfluss auf die Umwelt sensibilisiert werden. Im Jahr 2014 öffneten in Deutschland die ersten Läden, in denen Lebensmittel ohne Einwegverpackungen verkauft werden – inzwischen sind es deutschlandweit über 30 verschiedene „Unverpackt“-Geschäfte, in denen Kunden selbst Gläser, Beutel oder Tupperware für ihren Einkauf mitbringen.

Unsere Coworking-Kollegin Christine Müller hat letztes Jahr mit drei Mitgründern das Startup gramm.genau gegründet, mit dem Ziel, auch in Frankfurt einen Unverpackt-Laden zu eröffnen. Seit etwa einem Monat gibt es jetzt bei Main Gemüse in der Berger Straße 26 einen gramm.genau-Shop-im-Shop, am 28.1. war die offizielle Eröffnungsfeier. Wir haben das zum Anlass genommen, Christine mal ein paar Fragen zu stellen.

Die Gründer von gramm.genau bei der Eröffnung ihres Shop-im-Shops.

 

1. Unverpackt-Läden haben in Deutschland einen beeindruckenden Start hingelegt. Wie erklärt ihr euch, dass es in Frankfurt bisher nichts Vergleichbares gab?

Ich denke, es gibt 2 Hauptgründe:

  1. Es gibt in Frankfurt schon viele Organisatoren, die sich mit nachhaltigem Konsum beschäftigen (L.ABL Frankfurt, Shout out Loud, Transition Town und die Bürger AG sind da nur einige). Hier gibt es auch schon seit ca. 2 Jahren eine Arbeitsgruppe. Aber der Schritt von einer Arbeitsgruppe bis hin zu einer Existenzgründung (und auch Existenzgründung allgemein) ist ja in allen Bereichen ein Riesenschritt. Die Idee muss eine Leidenschaft der Gründer sein. Und in einem Feld wie “unverpackt Einkaufen”, das noch relativ wenig bekannt und erprobt ist (zumindest auf Rentabilität), muss die Courage dann noch viel größer sein.
  2. Es gibt in Frankfurt in Sachen nachhaltiges Einkaufen (damit meine ich regional, bio, müllfrei und fair) schon viele kleine Läden, die Bio-Lebensmittel verkaufen und zumindest Obst und Gemüse auch unverpackt. Andere unverpackt-Läden in Deutschland setzen sehr stark auf das Thema Regionalität und Bio und haben in ihrem jeweiligen Umfeld damit (noch) ein Alleinstellungsmerkmal.

2a. Mit eurer Verkaufsfläche im Main Gemüse habt ihr jetzt ein „Minimum Viable Product“, also eine Möglichkeit, schon vor der Eröffnung eines ganzen Ladens Feedback zu sammeln und Prozesse zu testen. Was habt ihr dabei schon gelernt, das euch ziemlich überrascht hat?

Es ist schwieriger, an Großgebinde (also 25kg Säcke) zu kommen, als man denkt. Die Großhändler sind noch nicht auf Unverpackt-Läden eingestellt. Ich hatte vorher einfach angenommen, dass man in der heutigen Zeit alles sehr einfach bestellen kann, aber dem ist offensichtlich nicht so.

2b. Seht ihr euch generell als typisches Startup, oder ist die Eröffnung eines Geschäfts eher klassisches Unternehmertum?

Wir verstehen uns als “Lean Startup” – statt aufwendig zu planen und viel Kapital aufzuwenden, machen wir uns mit verschiedenen Kreativmethoden gründlich Gedanken, aber bringen dann ein Produkt oder eine Idee auf den Markt, um schnell Kundenfeedback zu bekommen und unser Konzept gegebenenfalls ändern zu können.

Christine Müller beim Speed-Pitching bei unserer Trendexpedition „Think Startup FFM“

 

3a. Letzten Sommer hast du bei unserem Startup-Speed-Pitch eine Digital-Idee vorgestellt: QR-Codes zu allen Produkten, mit denen man schnell am Smartphone Inhaltsstoffe und Herkunftsort feststellen kann. Davon war bei Main Gemüse jetzt noch nichts zu sehen. Kommt das noch, hebt ihr euch das für den eigenen Laden auf, oder habt ihr eure Zielsetzung geändert?

Das ist auf jeden Fall noch geplant, aber im Moment sind noch ein paar Stolpersteine zu überwinden (z.B. fehlende Informationen von unserem Großlieferanten und die Frage, wie genau der QR-Code an den Rieselbehältern angebracht werden soll).

3b.Spielt die Digitalisierung für euch noch in anderen Bereichen eine wichtige Rolle?

Beim Thema Digitalisierung verfolgen wir eher den Gedanken, dass durch eine fehlende Verpackung dem Kunden keine Information abhanden gehen soll: Was ist das Mindesthaltbarkeitsdatum, was die Chargennummer etc. – all das planen wir, über unsere Website abzubilden. Die Infos sind aber auch direkt an den Behältern zu finden.

Weitere Infos, die wir gut digital vermitteln können, sind Informationen zu Produkten, die leer waren, und nun wieder vorrätig sind, und ganz neue Produkte (unsere Bruchschokolade ändert sich ca. alle 2 Wochen).

4. Ihr plant weiterhin die Eröffnung eines eigenen Ladens. Warum nicht bei Shop-in-Shop- oder Pop-up-Konzepten bleiben? Ist nicht gerade Dezentralität bei dieser Bewegung wichtig?

Du hast Recht, das macht total Sinn und das haben wir uns auch schon gedacht! Unsere Vision von einem “großen, eigenen Laden mit großem Sortiment” ist immer noch in unseren Köpfen, aber als “Lean Startup” versuchen wir, das Ohr ganz nah an unseren Kunden zu haben. Das sind zum einen die Endkunden, die es vorziehen würden, in ihrem eigenen Stadtteil verpackungsfrei einkaufen zu können und zum anderen Gemüseläden, Bistros, etc., die unser Konzept im Main Gemüse mögen und sich damit in ihrem eigenen Geschäft ihre Kundschaft vergrößern möchten.

Weitere Infos gibt es auf grammgenau.de