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Startup Scouting bei Merck in Darmstadt

By 21. Dezember 2016Juli 29th, 2019Erlebnisbericht

von Roxanna Noll und Michael Kirmes

Immer auf der Suche nach spannenden Innovationen waren wir am 14. Dezember beim Merck Accelerator Demo Day und haben uns dort mit Gründern von Startups im Lifescience-Bereich unterhalten können. Die spannendsten Ideen stellen wir hier vor.

Fёdorov

Hier kommt das Startup, das den schlauen Kühlschrank wirklich intelligent macht: Fёdorov alias „is it fresh?“ – eine smarte Lebensmittelverpackung, die live Auskunft über den Haltbarkeitsstatus des Produktes gibt. Von unterwegs kann ich per App nicht nur checken, was ich im Kühlschrank habe, sondern auch, wie voll die Packungen sind und wie lange der Inhalt noch haltbar ist. Wie das möglich ist? Ein hauchdünn gedruckter Elektrochip aus Gold oder Aluminium, der im Inneren einer Verpackung angebracht wird – im direkten Kontakt mit dem Produkt – misst pH-Wert, Ascorbinsäure, gelösten Sauerstoff, Feuchtigkeit oder andere Faktoren, die Auskunft über den Frischegrad geben. Das „Freshtag“ kostet dabei nicht mehr als 1 Cent und kann daher in alle konventionellen Lebensmittelpackungen ohne erheblichen Aufpreis integriert werden.

Das Spin-off des Jülich Forschungszentrums hat für sein innovatives System bereits sechs Patente angemeldet. „Das Internet der Dinge hat die Lebensmittelbranche noch nicht erreicht. Dabei ist gerade hier eine smarte Lösung notwendig, wenn wir die weltweite Lebensmittelverschwendung reduzieren wollen!“ heißt es von den drei Gründern Alexey Yakushenko, Jan Schnitzer und Marcel Grein. Weltweit werden jährlich 180 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf weggeworfen, was einem Wert von fast 1.000 Euro pro Haushalt entspricht. Fёdorovs Mission ist es, dies zu ändern — und gleichzeitig das Comeback des intelligenten Kühlschranks zu sichern!

Gefragt, ob die Freshtags auch für Medikamente denkbar wären, antwortet Alexey nur „It’s complicated…“ Der Markt sei zu stark reglementiert.

Veripad

Einen etwas anderen Blick auf diesen reglementierten Medikamentenmarkt gibt VeriPAD. Das Startup aus dem Accelerator in Nairobi beschäftigt sich mit dem Problem der Arzneimittelfälschung; laut WHO sind 20 bis 50 Prozent der verschreibungspflichtigen Medikamente nicht wirkungsecht. Doch mit Hilfe eines Papierteststreifens, der verschiedenen Chemikalien enthält und Wirkstoffe testen kann, zusammen mit einer App, die die Verfärbungen des Teststreifens analysiert, kann der Patient einfach und kostengünstig das Medikament vor der Einnahme überprüfen. Dafür muss er einen kleinen Teil der Tablette zerkleinern und auf dem Teststreifen verteilen, den er dann in etwas Wasser hält. Das Muster, was sich nach einigen Minuten abzeichnet, kann dann mit dem Smartphone fotografiert und analysiert werden.

Nicht nur dem Patienten hilft die Information über ein eventuell gefälschtes Medikament enorm, sondern auch den Behörden, die den Betrug ahnden. Die Ergebnisse werden nämlich in einer Datenbank gespeichert und so kann ein erhöhtes Aufkommen von falscher Arznei lokalisiert werden.

Ob man mit so einem Projekt nicht gefährlich lebe, haben wir sie gefragt. Tatsächlich sei die Mafia ja bei einigen Medikamentenfälschungen beteiligt, einer ihrer Mentoren habe auch schon die ein oder andere Morddrohung erhalten – wäre ja aber immer noch am Leben. So lassen sich die jungen Gründer nicht abschrecken — dafür haben Bishoy Ghobryal, Da Wi Shin und Y-Lan Nguyen zu stark im eigenen Umfeld erlebt, wie hilflos kranke Menschen ohne wirksame Medikamente in ihrer Heimat Ägypten und China waren. Dort sehen Apotheken bisweilen nämlich so aus wie auf dem Bild.

Clustermarket

Für die meisten biowissenschaftlichen Tests reichen günstige Papierstreifen leider nicht aus. Oftmals werden teure Labors mit Maschinen und kundigem Personal benötigt, um komplizierte Experimente durchzuführen, die die Forschung voranbringen – und gerade Startups oder kleine Forschungseinrichtungen mit neuen Ideen können sich diese nicht leisten. Hier setzt das Londoner Startup Clustermarket an: Nach dem Airbnb-Prinzip können große Forschungseinrichtungen Labormaschinen samt kompetenten Post-Docs für Zeiträume vermieten, in denen sie sonst ungenutzt wären – ein Anteil von sagenhaften 40%. Forscher in der Nähe der Einrichtung bekommen so eine günstige Möglichkeit, ihre Experimente durchzuführen – und vermeiden einen Großteil der juristischen Komplexität, die sonst für eine solche Vermietung anstünde. Natürlich fördert die Zusammenarbeit mit den Laborangestellten vor Ort auch den allgemeinen Austausch unter den Wissenschaftlern. Im Anschluss an die Vermietung bewerten beide Seiten die Transaktion auf der Plattform, und machen das System so noch transparenter.

Clustermarket finanziert sich von 10% Provision an den Vermietungen, und bietet gegen eine Gebühr außerdem individuelle Statistiken und Marktinformationen an.

cubuslab

Ebenfalls der Vereinfachung der Laborarbeit hat sich cubuslab angenommen. Unternehmen oder Forschungseinrichtungen mit einem großen bestehenden Inventar an Laborgeräten können dieses mit einem cubuslab Connector für die Industrie 4.0 nachrüsten. Jedes Laborgerät mit einer digitalen Schnittstelle per Plug and Play an ein Computersystem angeschlossen werden, das das Auslesen der Messdaten und die Steuerung der Geräte in Echtzeit auf einer vereinten Plattform ermöglicht. Die Daten können dabei in der Cloud gespeichert werden, oder auf einem eigenen Server des Labors verbleiben.

Über das Browser-Interface lassen sich sogar komplizierte Versuchsaufbauten abbilden und gesammelt steuern. Die Ergebnisse werden direkt visualisiert, können auch auf Mobilgeräten wie Tablets angezeigt werden, und lassen sich selbstverständlich exportieren oder mit Partnern teilen. Neben einer Arbeitserleichterung für Wissenschaftler, die sich so auf den wesentlichen Teil ihrer Arbeit konzentrieren können, verhindert die Lösung auch mögliche Übertragungsfehler von Klemmbrett-Zetteln in die Datenbank.

Natürlich wollten wir gleich wissen, ob das Startup auch Endverbraucher als potentielle Kunden ins Auge nimmt: kann ich so beispielsweise meine Badezimmerwaage an mein Heimnetzwerk anschließen? „Da rechnet sich das leider noch nicht,“ ist die Antwort des Head of Product, Julian Lübke. Neben einer Abonnement-Gebühr für die Software-as-a-Service-Plattform kostet auch der Anschluss jedes einzelnen Geräts. In nächster Zeit wird cubuslab Smart Home Systemen wie nest also noch keine Konkurrenz machen. Dem Smart Labor aber steht nichts mehr im Weg.