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Self-Tracking: Die heilende Kraft der Daten

By 22. Oktober 2015 Juli 17th, 2018 Erlebnisbericht

Bei einem Strategieworkshop für einen Mittelständler aus der Pharmabranche haben wir im Juli mehrere unserer Experten zum Einsatz gebracht. Mit dabei war Florian Schumacher (Foto*), Gründer der Community Quantified Self Deutschland und echter Self-Tracking „nerd“. Im Anschluss an die Veranstaltung haben wir ihn noch einmal getroffen, um über weitere Potenziale, die sich aus diesem Trend ergeben, nachzudenken. Wir wollten wir wissen, welche Chancen sich in Zukunft durch digitale Messgeräte für Nutzer eröffnen und wie die Digitalisierung das Gesundheitssystem und entsprechende Serviceangebote verändert. 

Welche menschlichen Bedürfnisse stecken hinter der Selbstvermessung?

Der Selbstvermessung liegt meist Neugierde, die Suche nach individuellen Antworten oder der Wunsch, sich selbst zu motivieren, zu Grunde. Wenn man sich zum ersten mal mit einem Messwert auseinandersetzt, egal ob Aktivität, Blutdruck oder ökologischer Fußabdruck, hat man oft keine realistische Vorstellung, wie man abschneidet. Mit einer Messung kann man mehr über sich erfahren, theoretisches Wissen auf sein eigenes Leben beziehen oder wichtige Informationen gewinnen – zum Beispiel, ob man eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat. Bei vielen geht es aber von Anfang an darum, sich in einem speziellen Bereich des Lebens zu verbessern. Dann wird täglich das Gewicht oder die eigene Bewegungsaktivität gemessen und man fordert sich so selbst heraus. Erfolge sind damit konkret nachvollziehbar. Das motiviert viele Menschen. 

Wie wird sich das Gesundheitssystem durch eine stärkere Patientenrolle verändern? 

Dank Self-Tracking werden Patienten oftmals befähigt, ihre gesundheitlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Anhand von Messwerten können sie den Nutzen von Therapien nachvollziehen und der Austausch mit dem behandelnden Arzt verläuft effizienter, wenn konkrete Informationen zum Verlauf einer Krankheit und über Symptome vorhanden sind. Davon profitieren beide Seiten, denn der Patient möchte ja verstehen, was los ist, hat aber oft Probleme, im Internet die richtigen Informationen zu finden oder seine eigene Situation einzuordnen. Deshalb kommt es bei Patienten häufig zu Fehleinschätzungen, die auch für Ärzte anstrengend sein können. Messwerte helfen den Patienten dabei, ihre eigene Lage besser zu verstehen – dadurch steigt die Qualität des Behandlungsgesprächs. Ärzte müssen sich darauf einstellen, zukünftig auch mit den von ihren Patienten selbst erfassten Werten zu arbeiten. Idealerweise informieren sie sich über geeignete Apps und empfehlen ihren Patienten seriöse Angebote. Die neuen technologischen Möglichkeiten führen gleichzeitig dazu, dass der Patient eine aktivere Rolle einnehmen muss. Das eigene Verhalten ist maßgeblich für den Behandlungserfolg verantwortlich und das Gesundheitssystem bewegt sich zunehmend in Richtung Prävention. 

Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus diesem Trend? 

Self-Tracking-Technologien befinden sich gerade erst am Anfang und werden aktuell primär zur Unterstützung eines gesunden Lebensstils eingesetzt. Damit sind sie hilfreich, um aktiver zu werden, Schlafmangel entgegenzuwirken oder gesündere Essgewohnheiten zu erlernen. Zukünftig wird die Selbstvermessung auch für Patienten eine immer größere Rolle spielen. Durch eine bessere Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker oder Herzrhythmus lässt sich die Behandlung von Krankheiten optimieren. Mit einer besseren Datenlage können Art und Menge der eingesetzten Medikamente auf den Patienten abgestimmt werden, so dass der Nutzen maximiert und Nebenwirkungen minimiert werden können. Zukünftige Generationen von Self-Tracking-Technologien könnten die permanente Überwachung von Herz-Risiko-Patienten erlauben. Herzrhythmus-Störungen könnten so frühzeitig erkannt und der Eintritt eines Herzinfarkts möglicherweise verhindert werden. Wichtig bei einer zunehmend datenbasierten Medizin ist der vertrauliche Umgang mit persönlichen Informationen. Auch wenn die zugrundeliegenden Technologien noch sehr jung sind, zeichnen sich bereits verschiedene Geschäftsmodelle ab. Manche Anbieter planen eine Monetarisierung der Daten ihrer Nutzer, welche im Konflikt mit deren Interessen stehen könnte. Andere sehen den Anwender als Besitzer seiner Daten und überlassen ihm die Kontrolle über deren Nutzung. 

Ist Self-Tracking auch außerhalb der Gesundheitsbranche relevant? Welche neuen Businessmodelle lassen sich möglicherweise auf andere Bereiche übertragen?

Self-Tracking spielt nicht nur für die Gesundheit und beim Sport eine große Rolle. Auch in vielen anderen Lebensbereichen werden mehr und mehr Anwendungen auf Basis persönlicher Daten angeboten. Banken zum Beispiel bieten ihren Nutzern ein digitales Haushaltsbuch, in welchem die einzelnen Transaktionen des Kontos verschiedenen Kategorieren zugeordnet werden, wodurch ein besserer Überblick zu den Ein- und Ausgaben entsteht. Meistens geht es bei solchen Anwendungen darum, dem Kunden einen zusätzlichen Nutzen durch sinnvolle Selbstmanagement-Funktionen zu bieten. Dies ist immer dann interessant, wenn ein Unternehmen über umfangreiche Kunden-Informationen verfügt und für diese durch entsprechende Aufbereitung der Daten einen Mehrwert erzielen kann. Zukünftig ist auch denkbar, dass Nutzer ihre eigenen Daten zur Verfügung stellen, um eine bessere User Experience durch Personalisierung zu erhalten. Radiosender könnten die Pulswerte ihrer Nutzer auswerten, um in jeder Situation die passende Musik vorschlagen zu können. Restaurants, die Informationen zu Allergien oder Gewichtszielen ihrer Kunden kennen, könnten besonders geeignete Gerichte auf einer digitalen Speisekarte hervorheben und so eine einfachere Wahl aus dem Angebot ermöglichen. Entscheidend hierfür ist jedoch, das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen. Persönliche Daten einfach zu sammeln und sie gegen den Nutzer einzusetzen, wird nicht funktionieren. Stattdessen muss dem Kunden ein klarer Vorteil geboten werden, der die Attraktivität des Unternehmens erhöht, wodurch jenseits vom Datenhandel ein Wettbewerbsvorsprung entsteht. In der Datenwelt von morgen sind ganz neue Synergien zwischen Unternehmen und Kunden möglich. Um diese zu realisieren, ist eine partnerschaftliche Einstellung notwendig, welche die Nähe zum Kunden bis in dessen Privatsphäre ermöglicht.

*Das Beitragsbild zeigt Florian Schumacher bei einem Versuch im Schlaflabor.