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Die Zukunft der Digitalisierung gibt es schon – in Afrika

By 13. August 2015April 15th, 2019Trendexpedition, Erlebnisbericht

Meine Arbeit bei der Impact Week Nairobi, Kenia

Afrika gilt als einer der letzten großen Zukunftsmärkte weltweit. Google unterhält in Nairobi das größte Office auf dem Kontinent. Denn das Land ist Vorreiter, wenn es um Produkte und Services für mobile Geräte geht. In den letzten Jahren haben die Ostafrikaner glatt eine Innovationsstufe der Digitalisierung übersprungen: den PC. Viele Angebote werden lieber gleich für das mobile Netz designt und verhelfen Kenia trotz knapper Ressourcen auf unkomplizierten Wegen zum Erfolg. Das bekannteste Beispiel kommt aus der Finanzbranche: Wo wir noch tüfteln, ob und wie „mobile payment“ umgesetzt werden kann, zahlen und überweisen Millionen von Kenianern schon seit Jahren mit M-Pesa per SMS (Pesa = Bargeld in Swahili). Vorausschauende Zukunftsagenten sollten daher ihren Blick auf Innovationen „made in Kenya“ lenken – und genau das habe ich bei meiner Trendexpedition nach Nairobi getan.

Als eine von 20 Experten aus Deutschland war ich Teil des Organisations- und Coachingteams der „Impact Week“, die Ende Juli zum ersten Mal veranstaltet wurde und an der circa 100 Studenten und Alumni der Africa Nazarene University (ANU), Nairobi, teilnahmen. Mit der einwöchigen Veranstaltung wollten wir den Sinn für Innovation und Unternehmergeist bei den Studenten fördern, indem wir sie dabei unterstützten (Facilitation), eigene Gründungsideen in fünf Innovationsfeldern – Gesundheit, Finanzen, Landwirtschaft, Bildung, Mobilität – auszuarbeiten.

„You have the watch, we have the time“

Impact Week Time Timer

photocredit_JOCHENGUERTLER

Während der Workshoptage kamen Methoden wie Design Thinking, Service Design, Rapid Prototyping und Business Model Generation zum Einsatz. Zunächst fiel es uns schwer, Zugang zu den Studenten zu bekommen, denn Hierarchien zählen in Kenia etwas. Wir waren es nicht gewohnt, als „Lehrer“ betrachtet zu werden, die Wissen einbahnstraßenartig übermitteln. Daher steckten wir am ersten Tag all unsere Energie in das Schaffen einer angenehmen, hierarchiefreien Arbeitskultur, die von mutigen Fragen, ehrlichem Feedback und freien Köpfen lebt und führten Rituale wie „Warm-ups“ und „Timeboxing“ ein. Letzteres hatte eines der schönsten Zitate der Woche zufolge: „You have the watch, we have the time“. Aufgaben jeder Art erstrecken sich immer über den Zeitraum, der dafür zur Verfügung steht – so unsere Philosophie. In Kenia ist das wohl meistens etwas mehr als in unserem deutschen Burnout-Alltag. Angesichts solcher, die eigenen Ansichten relativierenden, Unterschiede verlief nicht nur die Lernkurve der Studenten, sondern auch die unsere steil nach oben.

Das nächste große Ding: Medizin-Start-ups

Am letzten Veranstaltungstag präsentierten die 17 Studententeams ihre Ideen vor einer Jury aus Professoren und Workshop-Moderatoren. Ziel war die Aufnahme in den frisch gegründeten, universitätseigenen Inkubator („Innovation Center“). Die fünf Gewinnerideen erhalten über einen Zeitraum von einem Jahr eine Anschubfinanzierung, die durch Sponsorengelder aus Deutschland ermöglicht wurde, sowie intensives Mentoring durch kenianische Gründer, Professoren und unser deutsches Team.

Eines der Gewinnerteams widmete sich einer Fragestellung aus dem Gesundheitsbereich, die in Kenia besonders bedeutsam ist: Wie kann verhindert werden, dass Medikamentenfälschungen („counterfeit“) in Umlauf geraten und Patienten schaden? Die Lösungsidee setzt auf das Empowerment der Patienten, ein Trend, der aktuell auf der ganzen Welt voranschreitet und dabei zahlreiche Unternehmensgründungen mit sich zieht. In Kenia ist der „informierte Patient“ nicht nur der zunehmenden Individualisierung geschuldet, sondern der Tatsache, dass man sich auch bei in der Apotheke gekauften Medikamenten nicht auf deren Echtheit verlassen kann. Ein QR-Code Scan- bzw. SMS-Service soll es ermöglichen, die Echtheit eines Präparates über einen Serviceanbieter in kürzester Zeit zu prüfen.

Impact Week Testing

Testing: das Team „Mobility“ sammelt Nutzerfeedback | photocredit_NINOHALM

Afrikanische Lösungen für afrikanische Herausforderungen

Begleitet wurde die Woche durch namhafte Speaker aus der afrikanischen Start-up Szene wie zum Beispiel Vertreter des iHub (Co-working), von BRCK (Wifi-Hardware), JamboPay (Mobile Payment) und Givewatts (Solarenergie). All diese gehören zu den Gestaltern des nachhaltigen Wandels auf dem afrikanischen Kontinent und weltweit. Durch ihre Vorträge während der Impact Week haben Sie ihr Wissen und ihre Inspiration an die Studenten weitergegeben und illustriert, wie es ist, selbst ein Unternehmen auf die Beine zu stellen. Die Vize-Kanzlerin der ANU, Prof. Leah Marangu, zeigte sich in der Abschlussrede begeistert vom Facilitation-Ansatz: „Was wir in den Pitches gesehen haben, waren keine Ideen, die von außen kamen, denn niemand kann Lösungen für Afrika entwickeln, außer uns selbst.“

„The best way to experience an experience is to experience it“

….ein Grundsatz des Prototyping, der eigentlich für das ganze Leben gilt! Beim Testen eines Prototypen geht es immer darum, mit dem Produkt in Interaktion zu treten und es tatsächlich zu verwenden und zu erleben – erst dann kann man fundiertes Feedback formulieren, das über ein „finde ich gut/schlecht“ hinaus geht. Die Impact Week war so ein Prototyp, einer, der für die Fragestellung nach sinnvoller Zusammenarbeit im internationalen Kontext steht. Wir haben uns in dieses Erlebnis gewagt und sind nun mit vielen neuen Ideen und Weiterentwicklungspotenzialen zurückgekehrt. Als nächste „Iterationsstufe“ der Impact Week wird es 2016 ähnliche Events in weiteren Ländern geben.

Informationen, Blogbeiträge und Fotos unter www.impactweek.net und auf Twitter @theimpactweek bzw. @jule_bublitz

Bei Interesse, Fragen und Anregungen freue ich mich über Ihre Mail an jb(at)zukunftsinstitut-workshop.de

Impact Week Teilnehmer komplett

Impact Week Teilnehmer, Professoren und Moderatoren vor dem Hauptgebäude der Africa Nazarene University | photocredit_NINOHALM

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Das Organisations- & Coaching-Team der Impact Week | photocredit_NINOHALM

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Big Huddle – tägliches Einstimmen auf den Tag | photocredit_ANU/EVANSON

Unbenannt

Jule gibt Feedback zum Business Model | photocredit_NINOHALM

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Unser Team bei den Impact Awards | photocredit_NINOHALM

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Nach der Impact Week: Das Team auf Safari im Nationalpark Masai Mara | photocredit_SARAGOTTSCHALK

Staubwolkenkühe

Quer durchs Land – auf der Fahrt Richtung Nationalpark Masai Mara | photocredit_JULEBUBLITZ