Warenkorb

Work in Progress

By 15. März 2015Juli 26th, 2019Erlebnisbericht

Die Arbeitswelt von morgen ist die von heute, nur schöner

Im Rahmen des „Work in Progress“-Kongresses veranstaltete Xing am 14. März den „New Work Day“ auf Kampnagel in Hamburg. In meiner Rolle als CIO (Chief Inspiration Officer) war ich vor Ort, um mich inspirieren zu lassen von der Welt der neuen Arbeit, den aktuellen Plänen und Gedanken derjenigen, die sie gestalten. Mein – durchaus subjektiver – Blick richtete sich auf drei besonders interessante Beobachtungen: die vermehrte Automatisierung von Wissensarbeit im Vortrag von Jeremy Rifkin, das Internet als „Durchlauferhitzer der Möglichkeiten“, so Sascha Lobos Worte, sowie den experimentellen Pragmatismus, der sich in neuen Arbeitsformen wie Design Thinking ausdrückt.

„Let the machines do the dumb work“ – über den sozialen und ökologischen Wert veränderter Arbeitsstrukturen

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin prophezeit „Das Ende der Arbeit“. Aber auch „ihre Zukunft“. Denn die Menschen werden nicht einfach herumsitzen und nichts tun, sobald schlaue Maschinen ihre Aufgaben übernommen haben. Die Automatisierung ersetzt uns nur in Bereichen, in denen Maschinen unsere Arbeit wirklich besser erledigen können. Das ist „die Möglichkeit für die menschliche Gattung, die Maschinen die dumme Arbeit machen zu lassen“, während sie selbst sich sozialen und ökologischen Fragestellungen widmen kann. Dabei kommt dem Internet der Dinge eine maßgebliche Rolle zu. Durch die Vernetzung und Auswertung von Daten sind wir in der Lage, Energie, Transport und Kommunikation erheblich effektiver zu gestalten und den Weg in Richtung Post-Karbon Zeitalter einzuschlagen. Rifkin verbindet all die kleinen Buzzwords, die wir mit New Work assoziieren – Sharing, Creative Economy, Start-Ups, Big Data – mit dem großen Ganzen: der globalen Erwärmung und dem Glück sozial sinnvoller Beschäftigung.

„Die Zukunft wird nicht von alleine geil“ – über das Internet als Durchlauferhitzer der Möglichkeiten

Wie man die Kraft der digitalen Vernetzung gewinnbringend für die berufliche Zukunft einsetzt, verdeutlicht der Blogger und Web-Pionier Sascha Lobo anhand des „dead body guy“. Gemeint ist ein Mann in den Mitt-Fünzigern, dessen Traum, Filmleiche zu sein, wahr wurde, als er anfing, Fotos von sich in verschiedensten Tötungsversionen auf seine Website zu laden. Das Internet ermöglicht inzwischen nicht mehr nur steile Karrieren für „Bewerber“. Auch aus der Recruitingperspektive ergeben sich neue Möglichkeiten. Durch die Auswertung von sozialen Daten wie dem Facebook-Profil kann man feststellen, ob jemand für einen bestimmten Job geeignet ist. Das funktioniert aktuell bereits nachhaltiger, als mithilfe von Standard-Eignungstests. In einer entsprechenden Studie wurde nach sechs Monaten gemessen, wie geeignet die Kandidaten tatsächlich für den jeweiligen Job waren. Genau an solchen Beispielen wird für Lobo klar, dass die Grenze zwischen tatsächlichem Nutzen und „Beklopptheit“ im Internet haarfein ist. Denn das digitale Einwohnermeldeamt in Form sozialer Netzwerke birgt auch die Gefahr, die persönliche Freiheit einzuschränken, wenn das digitale Profil zum Ausschlusskriterium wird. Laut Lobo müssen wir aktiv daran arbeiten, die positiven Seiten der Vernetzung hervorzuheben und gegen die negativen Ausprägungen anzugehen.

„Wir vermeiden Diskussionen mit vielen Menschen, weil das einfach nicht funktioniert“ – über den experimentellen Pragmatismus von (Zusammen-)Arbeit

Neben der Utopie vom Ende der Arbeit und der Diskussion um die Rolle der digitalen Vernetzung wurden auch sehr konkrete Ansätze beim New Work Day diskutiert. Zwei Gründer einer Berliner Kreativ-Agentur erklärten, wie sie unkompliziert Entscheidungen treffen – nicht mit langen Gesprächen, sondern auf der Grundlage von Vertrauen und Denken in Feedbackschleifen. Probleme werden dann gelöst, wenn sie auftreten. Lösungsansätze werden revidiert, wenn sie sich als nicht mehr sinnvoll herausstellen. Dieses Prinzip der Iteration (Prozess mehrfachen Wiederholens), ist auch der Kern von Design Thinking, einer Methode, die sich besonders für die Innovationsentwicklung eignet. Der Prozess ist ergebnisgetrieben aber lösungsoffen.

Es scheint, als hätten die beiden Gründerinnen von Tandemploy genau so gedacht. Ihr Tandem-Modell ermöglicht es, Beschäftigten bis in die Führungsebenen hinein Jobs zu teilen – je nach Bedarf zum Beispiel 50/50, 70/30 oder auch 80/80. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. So können beispielsweise Menschen, die zuhause Angehörige pflegen oder mehr Zeit in andere Projekte investieren möchten, einen „Teilzeit“-Job übernehmen, bei dem sie sich die Arbeit mit einer weiteren, passenden Person teilen („matching“). Jobsharing ist dabei auch für die Arbeitgeberseite attraktiv, denn Teilzeitkräfte sind erwiesenermaßen produktiver und können sich im Krankheits- oder Urlaubsfall gegenseitig problemlos vertreten.

Was ist, was bleibt?

Die Kritiker sagen jetzt vielleicht: Das ist doch alles nicht neu, so haben wir das schon vor 20 Jahren gemacht! Stimmt bestimmt. Aber die Vision ist nicht zu Ende gedacht. Noch immer wird sich in den meisten Unternehmen nach fixen Prozessen gerichtet und gearbeitet, um „Karriere“ zu machen. Die entsprechende Sozialisierung bekommen Kinder bereits in der Schule, auch wenn sich im Bereich Bildung so einiges tut. Weder Jobsharing noch Design Thinking sind neu, aber es sind Begriffe, die uns die Veränderung begreifen lassen. Worte schaffen Wirklichkeit. In der neuen Arbeitswelt werden Strukturen im Großen wie im Kleinen über den Haufen geworfen, um sinnvolle Lösungen zu finden und die eigene Arbeit zu gestalten. Die Arbeitswelt von morgen ist die von heute, nur schöner. Maschinen machen die dumme Arbeit, wir selbst kümmern uns um die sozialen, sinnvollen Aufgaben. Dabei bedienen wir uns der positiven Möglichkeiten digitaler Werkzeuge und gehen pragmatisch vor. Wir wollen gemeinsam Dinge (er-)schaffen, nicht Macht erhalten oder Hierarchieleitern hinaufschwitzen.

„This journey is not utopia, it´s a better journey“ (Jeremy Rifkin). Sind wir bald da?

Von Juliane Bublitz, Zukunftsinstitut Workshop GmbH

https://spielraum.xing.com/2015/02/der-tag-der-neuen-arbeit-xing-laedt-zum-ersten-new-work-day/
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/jeremy-rifkin-die-null-grenzkosten-gesellschaft-13151899.html
http://saschalobo.com/ich/
http://www.deadbodyguy.com/
http://www.tandemploy.com