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Digital Hippies

By 10. März 2015August 1st, 2016Trends & Analysen

Werden sie die Welt verbessern – oder uns in den Abgrund führen?

Wer im Silicon Valley etwas auf sich hält, macht Yoga, ernährt sich vegan und besucht die Wisdom 2.0 Conference, die jüngst Ende Februar in San Francisco stattgefunden hat. Dort geht es um „Inner Wisdom“ und „Outer Action“ sowie um die Frage „How to Achieve More by Doing Less“. Es sind jedoch keine müsli-mampfenden Aussteiger, die sich zur Wisdom 2.0 treffen, sondern digitale Entrepreneure, Programmierer und Risikokapitalgeber – kurz die Tech-Elite des Valleys. Sie treiben nicht nur den digitalen Fortschritt voran, der immer schneller und größer wird, wie eine Lawine, die als kleiner Schneeball anfing. Sie stehen auch für eine neue Kultur, in der sich der 68er-Gedanke einer Gegenkultur mit dem Glauben an die befreiende Kraft des Kapitalismus paart. Das ist der mentale Nährboden der Digital Hippies.

Zu ihnen gehören Protagonisten wie Travis Kalanick, der sich mit seinem Mitfahrdienst Uber in nur fünf Jahren in über 50 Länder und 260 Städte ausbreitete. Kalanick möchte Uber zu einem Welt-Transportservice ausbauen, der irgendwann ganz ohne Fahrer auskommt und Roboterautos losschickt. Kalanick ist überzeugt davon, dass Technologie schlicht den besseren Service liefert. Wenn die Fahrer dabei stören, soll die Software übernehmen. Die Digital Hippies zeichnet dieser Glaube an den Segen der Technologie aus. Wenn Transportbeförderungsgesetze dem im Wege stehen, gehören sie abgeschafft. Die Digital Hippies sind im Herzen – und das  verbindet sie mit der 68er-Kultur – antistaatlich. Sie verabscheuen die Politik und deren Unverständnis dem digitalen Wandel gegenüber. Regulierungen und Gesetzte, bspw. zum Schutz der Privatsphäre, sind für Sie ein Anachronismus.

Es ist eine kreative Mischung aus spirituellem Hippie-Denken und knallhartem Kapitalismus

Digital Hippies gibt es nicht nur in den USA. Die neue Kultur breitet sich auch in Europa aus. Die Wisdom 2.0 fand letztes Jahr das erste Mal in Dublin statt. Und auch in Deutschland gibt es zahlreiche Startup-Gründer, die mittels digitaler Technologie nach neuen Freiheiten und neuen Märkten suchen. Sie wollen selbstbestimmt leben, aber anders als die 68er gut dabei verdienen. Es geht ihnen jedoch nicht um Status-Symbole, sondern um Wohlstand, der Unabhängigkeit bietet. Es geht um die Freiheit, jederzeit für ein halbes Jahr aussteigen zu können – um beim dreimonatigen Schweigeseminar seine innere Mitte zu finden oder die nächste Business-Idee auszubrüten. Es ist eine kreative Mischung aus spirituellem Hippie-Denken und knallhartem Kapitalismus, die eine neue Kultur hervorbringt. Ihre verändernde Kraft ist gewaltig. Denn der technologische Fortschritt verläuft nicht geradlinig, sondern exponentiell.

Selbstfahrende Autos – vor kurzem noch eine kühne Vision – prägen morgen den Verkehr. Algorithmen, die medizinische Diagnosen besser als jeder Arzt stellen, sind schon bald unsere erste Anlaufstelle. Es bleibt die Frage, ob all diese Entwicklungen tatsächlich zum Wohle der Menschheit gereichen, wovon die Digital Hippies überzeugt sind. Ihre Fortschrittsgläubigkeit ist so naiv wie der Glaube der 68er, dass freie Liebe das bessere Partnerschaftsmodell ist. Dennoch ist – wie damals auch – der modernisierende Impuls notwendig. Sonst werden wir in Europa von den High-Tech-Erlösern des Valleys abgehängt. Wir brauchen mehr Technologie-, mehr Zukunftsoptimismus. Wir brauchen mehr Freiheiten, mehr Experimente – ohne dabei alles dem Markt zu überlassen. Es liegt nicht allein in den Händen der Digital Hippies, ob die Dynamik des digitalen Wandels zu einer besseren Welt – oder in den Abgrund führt.

Von Andreas Steinle, Zukunftsinstitut Workshop GmbH

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